Die Welt wandelt sich, permanent. Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Obwohl er immer wieder die Lust verspürt, sich und sein Leben zu ändern, hält er auch an Werten wie Stabilität und Beständigkeit fest. Wenn äußere Umstände uns zur Veränderung zwingen oder Veränderungen uns einfach passieren, meinen wir zudem die Kontrolle zu verlieren. Wie daraus trotzdem eine persönliche Heldenreise werden kann.
Da war diese Postkarte. Eine von denen, wie man sie manchmal in Kneipen auf Metallständern vor der Toilette findet. „Du musst dein Ändern leben.“ Die popkulturelle Version einer Sentenz aus einem Rilke-Gedicht: „Du musst dein Leben ändern“. Wie viele solcher Postkarten, wie viele Ratgeber, Podcasts und Instagram-Videos es heute – gut 100 Jahre nach Rilke – nicht alles gibt zu diesem Thema! Wie viele Wandtattoos, T-Shirts und Tassen! Man könnte von einer regelrechten Veränderungsindustrie sprechen. Immer wieder wird uns suggeriert: Du musst etwas tun – vor allem etwas anderes als bisher. Filme, Serien und Romane halten ebenfalls beharrlich an diesem Narrativ fest: Es muss etwas passieren, eine Figur muss sich entwickeln. Erst dann wird’s interessant. Erst dann ist eine Geschichte eine Geschichte. Die klassische Heldenreise, bei der der Held aus seiner alten Welt aufbricht, vor Bewährungsproben gestellt wird, eine entscheidende Herausforderung meistert und mit neuen Erkenntnissen zurückkehrt und zu sich selbst findet, kennen wir auch aus dem Coaching – als Modell für persönliche Entwicklung und Transformation. Neujahrsvorsätze sind ein weiteres Beispiel dafür, wie stark wir das Diktat der Veränderung verinnerlicht haben. Zum Ende eines jeden Jahres nehmen wir uns vor, uns künftig gesünder zu ernähren, endlich diese eine wichtige Weiterbildung zu machen, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und weniger mit unserem Smartphone. Weniger hiervon, mehr davon. Hauptsache nicht im alten Trott verharren.
Den Wunsch nach Veränderung verspüren Menschen auf der ganzen Welt. Gerade bei Jüngeren scheint er besonders ausgeprägt zu sein: Bei einer 2021 durchgeführten Studie verschiedener Universitäten wurde über 13.000 Studierenden in 56 Ländern die Frage gestellt: „Wollen Sie etwas an sich / an Ihrer Persönlichkeit verändern?“ Über 60 Prozent antworteten mit „Ja“. Der Großteil gab dabei an, emotional stabiler, gewissenhafter und extravertierter werden zu wollen.
Nur: Warum eigentlich? Warum meinen wir, unser Leben permanent ändern zu müssen? Erst recht in einer Zeit, die uns schon äußerlich mit so vielen Neuerungen und Herausforderungen konfrontiert und in der die Geschwindigkeit, mit der gesellschaftliche, politische und technologische Entwicklungen voranschreiten, enorm ist. Warum da auch noch am eigenen Leben herumschrauben? „Stagnation klingt für viele nach Stillstand – und Stillstand wird evolutionär oft mit Gefahr gleichgesetzt“, erklärt es die Psychologin Eva Asselmann.
Andererseits ist der Mensch aber auch die Summe seiner Gewohnheiten. Er neigt dazu, bestimmte Verhaltensweisen zu wiederholen. „Wenn dies oft genug passiert, sind Gewohnheiten im Gehirn als gut gebahnte Nervenverbindungen abgebildet. Verhaltensmuster laufen dann ohne große Anstrengung, fast automatisch und damit energiesparend ab“, sagt der Psychologe Axel Koch. Ein Beispiel ist das tägliche Zähneputzen. Wir tun es einfach, immer wieder, denken kaum darüber nach. „Wenn so aufgebaute Gewohnheiten ausreichen, in unserem Leben gut zurechtzukommen, kann gerne alles so bleiben, und wir brauchen keine Veränderung.“ Wenn wir eine Situation jedoch auf eine bestimmte Weise neu wahrnehmen, entwickeln wir den Willen nach Veränderung: „Dieser Wille fußt darauf, dass wir entweder einen gewissen Leidensdruck verspüren, also von einer Situation wegwollen, oder dass wir Chancen erkennen und es uns zu einer neuen Situation hinzieht“, so Koch. Dahinter stehe die Bewertung der jeweiligen Situation, die von unseren individuellen Erfahrungen, Motiven, Bedürfnissen und Werten abhängt. Wer also beispielsweise das Abenteuer liebt, dessen Veränderungswille ist vermutlich relativ stark ausgeprägt. Im Unterschied etwa zu Personen, die aufgrund ihrer Lebenserfahrung eher Werte wie Stabilität und Beständigkeit verinnerlicht haben.
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