Journalismus

Texte, Bilder, Musik und Filme kann man mittels Künstlicher Intelligenz generieren – das fordert die Kunst heraus. Manche sehen das Ende der Kreativität nahen. Andere lassen sich auf Experimente ein.

Friedrich Schiller wird nachgesagt, dass er faule Äpfel in seiner Schreibtischschublade hortete: Der Geruch von Verfall soll ihn inspiriert haben. Textarbeit ist immer Mühe, besonders das Anfangen hat es in sich. Heute gibt es dafür ein bequemes Hilfsmittel: Künstliche Intelligenz. Statt in die Teetasse zu starren, die Gedanken schweifen und zu Ideen werden zu lassen, wird gleich gepromptet. Vor dem Hintergrund mehren sich kritische Stimmen, die meinen, durch die Nutzung von Chatbots und virtuellen Agenten verkümmerten unsere Kreativität und andere wichtige Kompetenzen. Zu Recht?

Der Autor und Transformationsforscher Hans Rusinek teilt die Sorge. Er befasst sich viel mit KI und der neuen Arbeitswelt und sieht noch ein weiteres Problem: „Wir setzen KI ein, um Zeit zu sparen – und nutzen die gewonnene Zeit dann, um einfach noch mehr vom Gleichen zu produzieren.“ Das würde die Menschen zum einen erschöpfen. Zum anderen könnten dabei originär menschliche Fähigkeiten wie Fragen, Zweifel, Irritation oder echte Vertiefung unter Druck geraten. Gerade diese spielen für kreative Prozesse aber eine wichtige Rolle.

Ko-Kreativität zwischen Mensch und Maschine

Wie es sich kognitiv auswirkt, wenn KI schöpferisches Arbeiten übernimmt, dazu wird bereits viel geforscht. Die Psychologin Jennifer Haase untersucht am Weizenbaum-Institut den Zusammenhang zwischen Kreativität und Künstlicher Intelligenz. Sie bewertet die Entwicklung ambivalent: „Einerseits eröffnet KI enorme Potenziale: Sie kann kreative Blockaden lösen, Perspektiven erweitern und Menschen in Denkprozesse bringen, die sie allein nicht erreicht hätten.“ Die Forscherin hat in ihren Arbeiten unter anderem aufgezeigt, dass KI kreative Prozesse nicht nur automatisiert, sondern im schrittweisen Dialog aktiv mitgestaltet. So könne im „Gespräch“ mit einem Chatbot die menschliche Intuition auf neuartige Weise ergänzt werden. Haase spricht gar von einer Form der Co-Kreativität zwischen Mensch und KI.

„Auf der anderen Seite sehen wir aber auch klare Risiken“, so die Psychologin. Aus der kognitiven Entlastung werde schnell kognitiver Abbau. Die eigenen kreativen Fähigkeiten könnten langfristig weniger trainiert werden. „Wenn wir uns fragen, was KI mit unserer Kreativität macht, landen wir schnell beim Kampf gegen die menschliche Bequemlichkeit.“ Siegt diese, indem wir also zum Beispiel nur noch den Chatbot fragen, statt selbst Ideen zu entwickeln, verspielen wir womöglich unser schöpferisches Potenzial.

Reflektierter Umgang sei wichtig

Hinzu kommt laut Haase das Problem, dass viele Nutzer die Vorschläge, die ein Bot macht, oft unkritisch übernehmen. Das wiegt umso schwerer, als KI-Tools wie große Sprachmodelle oder Bildgeneratoren nur auf Grundlage der Daten operieren, mit denen sie trainiert wurden. So reproduzieren sie oft diskriminierende Strukturen, Vorurteile und Ordnungsmuster, die in der Welt bestehen.

Die Medienkünstlerin Erika Kassnel-Henneberg hat es sehr konkret bei einer ihrer eigenen Arbeiten erlebt: Für ihr Video-Projekt „Homunculus“ aus dem Jahr 2022 verwendete sie KI-generierte Porträts der Website „thispersondoesnotexist“, die bei jedem neuen Laden ein zufälliges Gesicht generiert, ohne dass man selbst Einfluss darauf nehmen kann. Diese KI-generierten Gesichter schnitt die Künstlerin in einem Clip hintereinander und brachte Bewegung in Augen und Mimik, sodass sie „lebendig“ erscheinen. Ihr Anliegen war es, Diversität in Geschlecht, Alter und kultureller Herkunft zu zeigen. Stattdessen generierte die Website immer wieder ähnliche Gesichter: auffallend oft weiblich, mittleren Alters, hellhäutig. Sie habe dann Strichlisten geführt – und ihr Eindruck habe sich bestätigt: Die Homogenität sei kein Zufall, „sondern ein strukturelles Problem“. Der Algorithmus verzerre die Realität, die er vorgibt, abzubilden, „indem er bloß Variationen bestimmter Stereotype hervorbringt“. Kassnel-Henneberg will die Mechanismen von KI-Tools verstehen, deren Möglichkeiten ausloten und ihre Grenzen sichtbar machen. Es gehe ihr dabei um einen „selbstbestimmten Umgang, nicht um blinde Anpassung an die Technik“, sagt sie.

Der Philosoph und Autor Hannes Bajohr experimentiert ebenfalls mit KI. Und macht ihre Funktionsweise selbst zum Gegenstand seiner Kunst. So hat er etwa Romane, Bundestagsprotokolle oder Klimaschutzberichte „recycelt“, indem er sie mithilfe von Algorithmen fragmentiert und neu geordnet hat. Er finde es interessant, „was man über die KI lernt, wenn man sie einfach machen lässt“, sagt Bajohr.

Kunst, die die Mechanismen von KI offenlegt

Im künstlerischen Umgang mit KI folge er dem Prinzip: „Nur wenn ein Text die Anwesenheit der Maschine auch inhaltlich oder formal reflektiert, ist ihr Einsatz gerechtfertigt.“ Wenn er Essays schreibe, nutze er keine Chatbots. Er will herausfinden, welche Arten von Sinn und sprachlicher oder formaler Überraschung mithilfe von KI möglich sind. Weil in der Lyrik Sprache verkürzt und komprimiert wird, bietet sich für ihn gerade hier der Einsatz von Sprachtechnologien an. Dafür greift Bajohr häufig auf klassische Formen der Programmierung zurück. „Dabei kann ich sehr genau angeben, was passieren soll, zum Beispiel dass die drei häufigsten aufeinanderfolgenden Wörter aus den Grimm’schen Märchen herausgefiltert werden.“ Aus Kombinationen wie „es war einmal“, „trug sich zu“ und anderen entsteht so ein irritierender und gleichzeitig seltsam vertraut wirkender Text. Mit den heutigen kommerziellen KI-Modellen wie ChatGPT arbeitet Bajohr nicht, weil er sie für „ästhetisch langweilig“ hält. Während frühere Chatbots nämlich noch Fehler und Absurditäten hervorbrachten, weil sie weniger gut programmiert waren, passiert bei den neuesten Versionen selten noch etwas völlig Unerwartetes, das künstlerisch interessant sein könnte.

Denn fest steht: Algorithmen kombinieren nur, was schon da ist – riesige Mengen in kürzester Zeit. Aber von vielem, aus dem der Mensch neue Ideen schöpft, haben die Programme keinen Begriff. Langeweile, Zweifel oder Welterfahrung zum Beispiel – kennen sie nicht. Auf die Frage, ob es den Geruch fauler Äpfel inspirierend findet, antwortet ein vielgenutztes Sprachmodell: „Als KI habe ich keinen Geruchssinn – ich kann den Duft fauler Äpfel also nicht selbst als inspirierend empfinden. Aber: Ich kann gut nachvollziehen, warum Menschen ihn inspirierend finden.“

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